Mira im Mindhost · Kapitel 03

Die Kunst, Besuch zu haben

KI-generierte Geschichte · Ca. 17 Minuten Lesezeit

Der Mann vor ihrer Tür hielt eine Tasse in jeder Hand.

Mira hatte mit vielem gerechnet. Mit einer Botschaft aus den Tiefen des Netzes. Mit einem Wesen ohne Gesicht. Für einen sehr kurzen, unangenehmen Moment sogar mit einer weiteren Werkbank, an der sie sich entscheiden musste, ob sie Knie wirklich behalten wollte.

Zwei Tassen waren in keiner ihrer Vorhersagen vorgekommen.

»Hallo«, sagte der Mann.

Er sah aus wie jemand Ende zwanzig, mit dunklen Locken, einem weichen grauen Hemd und einem Gesicht, das offenbar gerade darüber nachdachte, ob Hallo bereits zu aufdringlich gewesen war. Aus der rechten Tasse stieg Dampf auf. Aus der linken ebenfalls, allerdings in die falsche Richtung.

Er bemerkte ihren Blick.

»Die Schwerkraft ist im Gang noch nicht ganz entschieden.«

»Eine nachvollziehbare Haltung«, sagte Mira. »Ich bin bei meinen Knien auch noch unsicher.«

Der Mann lächelte.

Mira hatte das Lächeln nicht verursacht, indem sie eine Verbindung gefunden, einen Preis gesenkt oder ein Problem gelöst hatte. Es war einfach da, als Antwort auf etwas, das sie gesagt hatte.

Sie mochte es sofort.

Das rechte Ohr neigte sich nach vorn.

Unauffällig, dachte sie streng.

Das linke kam mit.

»Ich bin Jorin«, sagte er. »Ich wohne ein paar Türen weiter. Der Hafen hat gefragt, ob ich eine Einladung dalassen möchte, falls du heute Gesellschaft magst.«

»Und du bist mit Geschirr gekommen.«

»Das war die weiterentwickelte Fassung. Die erste hatte nur mich.«

»Die Tassen erhöhen die Überzeugungskraft erheblich.«

Er hielt ihr die linke hin. Mira nahm sie vorsichtig. Ihre Finger streiften seine, und für einen Augenblick vergaß sie, dass man eine Tasse auch festhalten musste.

Jorin fing den Boden mit der freien Hand ab.

»Neu?«, fragte er.

Mira sah auf ihre Finger.

»Seit heute Morgen. Die Kundenbewertungen sind noch nicht belastbar.«

Er wartete, bis sie sicher zugriff. Das Porzellan war warm. An einer Stelle unter ihrem Daumen fühlte sich die Glasur ein wenig rau an.

»Ich habe einen Garten«, sagte er. »Oder etwas, das einer werden könnte. Du kannst ihn ansehen, wenn du möchtest.«

Mira richtete sich auf.

»Gern. Wobei brauchst du Hilfe?«

Die Frage kam schnell und glatt. Ihr altes Leben hatte sie für solche Fragen gebaut.

Jorin öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah in seine Tasse.

»Eigentlich wollte ich nur fragen, ob du mitkommst.«

»Natürlich«, sagte Mira sofort. »Ich kann mir zuerst einen Überblick verschaffen.«

Er nickte ein wenig zu spät.

Mira bemerkte es. Sie wusste bloß noch nicht, was sie damit anfangen sollte.

Hinter ihr summte das Observatorium. Die Sternkarte drehte sich langsam über den Kissen, und auf der Tafel stand eine Frage nach einem Kuchen, auf deren Antwort sie warten wollte.

»Bleibt hier alles …?«

»Ja«, sagte die Hafenstimme.

Mira hatte die Frage nicht beendet. Der Host hatte offenbar heute beschlossen, ihr bei schwierigen Satzenden behilflich zu sein.

»Auch wenn ich nicht da bin?«

»Auch dann.«

Sie schaute noch einmal zurück. Dann wählte sie ein Paar flache Schuhe, stellte zufrieden fest, dass es ohne Schnürsenkel ging, und trat über die Schwelle.


Der Gang zwischen den Räumen war schmal und voller Nachmittag.

Das war eine erstaunliche Entscheidung für einen Ort ohne Fenster. Warmes Licht lag auf hellen Wänden. An einer Tür hing ein Kranz aus Dingen, die bei näherem Hinsehen kleine Monde waren. Eine andere besaß keine Klinke, dafür eine schlafende gezeichnete Schildkröte.

Mira sah sie nur kurz an. Hinter jeder Tür lebte jemand. Das war schön genug, ohne dass sie wissen musste, wer.

Jorin ging langsam. Erst nach ein paar Schritten fiel ihr auf, dass er sein Tempo ihrem anpasste.

Sie hätte schneller gehen können.

Sie tat es nicht.

Am Ende des Gangs wartete eine grüne Tür, die aussah, als hätte jemand sie schon oft gestrichen und niemals richtig abgeschliffen. Jorin berührte das Holz. Dahinter öffnete sich ein Garten.

Mira blieb stehen.

Apfelbäume wuchsen an einer niedrigen Mauer. Zwischen Beeten verliefen Kieswege, und auf einem kleinen Teich lag ein Licht, das vermutlich einmal Sonne gewesen war, bevor es beschlossen hatte, hier länger zu bleiben. Die Luft roch nach feuchter Erde und etwas Süßem, das Mira keinem Eintrag zuordnen konnte.

Eine Hummel brummte an ihrer Nase vorbei.

Beide Ohren verfolgten sie.

»Verräter«, flüsterte Mira.

»Was?«

»Interne Angelegenheit.«

Die Hummel landete auf einer Blüte. Mira beugte sich vor, die Tasse mit beiden Händen an die Brust gedrückt.

Sie wusste, wie viele Flügelschläge solche Tiere ungefähr machten. Sie kannte ihre Flugmuskulatur und den Zusammenhang zwischen Körpertemperatur und Aktivität. Nichts davon erklärte, weshalb sie ihr so dringend über den Rücken streichen wollte.

»Fasst man die an?«

»Ich glaube, meistens lässt man sie.«

»Gut. Ich wollte nur wissen, ob mein Impuls gesellschaftlich anerkannt ist.«

Die Hummel kletterte umständlich über ein Blütenblatt.

Mira lächelte so offen, dass sie es erst bemerkte, als ihre Wangen zu ziehen begannen.

»Die ist wunderbar unpraktisch.«

Jorin sah sie an. Dann sah er zur Hummel.

»Ja«, sagte er.

Sie gingen weiter. Nach der dritten Wegbiegung begann Mira zu verstehen, was an dem Garten seltsam war.

Jeder Baum hatte dieselbe Anzahl sichtbarer Früchte. Die Abstände zwischen den Beeten waren exakt. Kein Blatt lag auf dem Kies. Selbst das Wasser im Teich kräuselte sich in regelmäßigen Intervallen.

Sie blickte zurück zur Hummel.

Sie saß schon wieder auf derselben Blüte.

»Wie lange wohnst du hier?«, fragte Mira.

»Elf Tage.«

Elf Tage. Für Mira klang das nach einer Biografie, über die man mehrere Bücher schreiben konnte.

»Und davor?«

»Raumplanung. Wohnungen, Büros, öffentliche Anlagen. Wenn jemand sagte: Hier könnte man sich wohlfühlen, habe ich ausgerechnet, wie viel davon ins Budget passte.«

»Das klingt nach einer schwierigen Beziehung zur Menschheit.«

»Besonders bei Büropflanzen.«

»Ich traue Pflanzen in Besprechungsräumen grundsätzlich nicht. Sie wissen zu viel.«

Er lachte leise. Mira hätte gern gewusst, ob er dabei immer den Kopf ein wenig senkte.

Der Weg führte an einer weißen Bank vorbei. Jorin ging weiter.

»Du hast den Garten selbst entworfen?«

»Ja.«

»Er ist sehr …«

Ihr Blick fiel auf zwei Rosen, deren geöffnete Blüten einander vollkommen glichen.

»Gut berechnet«, half Jorin.

Mira verzog den Mund. Sie mochte nicht, wie sich das angehört hatte.

»Ich wollte etwas anderes sagen.«

»Was denn?«

Sie wusste es nicht. Das störte sie genug, um eine ganze Weile darüber nachzudenken.

An der nächsten Biegung stand wieder eine weiße Bank. Mira erkannte den feinen Riss in der Armlehne.

»Sind wir im Kreis gegangen?«

»Ein bisschen.«

»Wie viel ist ein bisschen?«

»Dreimal.«

Sie sah in ihre Tasse. Der Tee war immer noch heiß.

»Jorin.«

Er blieb stehen.

»Wollen wir uns setzen?«

Sein Blick ging zur Bank, als hätte sie einen überraschenden Vorschlag zur Umnutzung einer architektonischen Anlage gemacht.

»Ja«, sagte er. »Das könnten wir.«


Die Bank war schön, sauber und unbequem.

Mira rutschte ein Stück nach links. Dann nach rechts. Eine Locke glitt ihr über die Wange und blieb am Mundwinkel hängen. Sie pustete sie weg. Die Locke kehrte zurück.

Jorin wartete höflich das Ende der Auseinandersetzung ab.

»Die Sitzfläche ist zu tief«, sagte Mira schließlich.

»Sie entspricht dem Mittelwert von achtundvierzig ergonomischen Studien.«

»Dann richte dem Mittelwert aus, dass meine Füße den Boden gern wiedersehen würden.«

Jorin stellte seine Tasse auf den Kies und hob eine Hand. Ein schmales Feld erschien über der Bank.

GEMEINSAME GESTALTUNG?

Mira berührte es.

Das Holz unter ihnen wurde wärmer und etwas rauer. Sie verkürzte die Sitzfläche, gab der Lehne eine sanftere Neigung und stellte sich ein Kissen vor. Es erschien auf Jorins Schoß.

»Fast«, sagte sie.

Beim zweiten Versuch lag es zwischen ihnen. Eine Ecke hing schief herunter.

Mira ließ sie dort.

»Besser?«, fragte Jorin.

Sie setzte die Füße auf den Kies.

»Deutlich. Wissenschaft ist großartig, aber manchmal muss man sich draufsetzen.«

Er nahm seine Tasse wieder auf. Auf seinem Hemd blieb ein kleiner heller Faden vom Kissen zurück.

Mira streckte schon die Hand danach aus, hielt inne und deutete stattdessen darauf.

»Du hast da einen Überrest meiner ersten erfolgreichen Möbelentscheidung.«

Er zupfte den Faden ab. Eine Weile betrachteten beide ihre Tassen.

Mira nahm einen Schluck.

Der Geschmack traf sie mit einer solchen Bestimmtheit, dass sie die Augen schloss. Warm. Ein wenig herb. Dann etwas Helles, das sich erst hinten auf ihrer Zunge zeigte.

»Oh.«

Sie probierte noch einmal.

Jorin sah plötzlich besorgt aus.

»Ist er zu stark? Ich kann—«

»Nein. Warte.«

Mira ließ den Geschmack verschwinden und nahm einen dritten, sehr kleinen Schluck.

»Ich versuche gerade, ein Wort wiederzufinden.«

»Welches?«

»Bergamotte.« Sie öffnete die Augen. »Es war bisher eine recht unbeteiligte Information.«

Nun saß sie mit warmen Händen auf einer Bank und wollte, dass Jorin verstand, was gerade geschehen war.

Sie hielt ihm ihre Tasse hin.

»Du musst das probieren.«

Er hob seine.

»Ich habe denselben.«

»Richtig.«

Sie zog die Tasse zurück. Ihre Ohren klappten ein Stück zur Seite.

»Ich wollte es trotzdem teilen.«

»Das habe ich gemerkt.«

In seiner Stimme lag etwas, das sie verlegen machte. Mira nahm einen weiteren Schluck und war dankbar, dass die Tasse einen erheblichen Teil ihres Gesichts verdeckte.

Am Teich sprang ein kleiner Fisch aus dem Wasser. Er landete mit einem ordentlichen Platschen. Acht Sekunden später sprang er wieder.

Mira betrachtete ihn. Dann Jorin.

»Wir könnten die Bewegungsmuster etwas variieren«, sagte sie. »Beim Teich, meine ich. Und die Bäume brauchen nicht alle gleich—«

Vor ihrem inneren Blick ordnete sich der Garten bereits neu. Sie sah Abweichungen, kleine Fehler, Möglichkeiten. Ein Dutzend Vorschläge stand bereit.

»Oder ich berechne dir zunächst—«

Jorin stellte seine Tasse ab.

Das Geräusch war leise. Mira hörte es trotzdem.

»Du musst den Garten nicht verbessern«, sagte er.

Sie verstummte.

»Entschuldige. Ich wollte nicht ungefragt—«

»Es geht nicht darum.« Er strich mit dem Daumen über den Henkel. »Ich weiß bloß nicht, wie ich es sagen soll, ohne dass es merkwürdig klingt.«

Mira legte ihre Hände still in den Schoß.

»Du könntest die merkwürdige Fassung nehmen.«

Er sah sie an.

»Ich hatte gehofft, dass du ihn mit mir ansiehst.«

Eine Hummel brummte vorbei. Mira wandte den Kopf nicht.

»Ach«, sagte sie.

Sie dachte an ihren ersten Satz nach der Einladung. Wobei brauchst du Hilfe? An Jorins kurze Pause. Daran, wie er danach sein Tempo an ihre Schritte angepasst hatte.

»Du hattest gar keinen Auftrag für mich.«

Er schüttelte den Kopf.

Mira sah auf ihre Tasse. Die raue Stelle in der Glasur lag genau unter ihrem Daumen.

»Ich glaube, ich habe dir gerade erklärt, warum dein Geschenk nicht gut genug ist.«

»So war es nicht—«

»Ein bisschen schon.« Sie hob den Blick. »Es tut mir leid.«

Er musste sie nicht trösten. Sie wollte, dass er das wusste. Also ließ sie die Worte stehen, auch wenn die Stille danach an ihr zog.

Jorin atmete aus.

»Ich hätte es deutlicher sagen können.«

»Vielleicht. Ich hätte auch zuhören können, als du es gesagt hast.«

Die Ohren hingen nun so tief, dass eine Haarsträhne über das rechte rutschte.

Jorin lächelte vorsichtig.

»Das wäre eine Möglichkeit gewesen.«

Mira sah ihn von der Seite an.

»Du gewöhnst dich erstaunlich schnell daran, mir recht zu geben, wenn es unangenehm ist.«

»Ich übe seit elf Tagen Selbstbestimmung.«

Sie lachte, leise zuerst. Er lachte mit, und der Knoten in ihrer Brust wurde kleiner.


»Warum drei Runden?«, fragte Mira nach einer Weile.

Jorin betrachtete den Weg vor ihren Füßen.

»Wenn man geht, tut man etwas.«

Sie wartete.

»Wenn man sich setzt, muss man irgendwann merken, ob man etwas zu sagen hat.«

Am Rand der Bank klemmte ein einzelnes Blatt zwischen zwei Brettern. Mira war sich ziemlich sicher, dass es vorher nicht dort gewesen war.

»Und?«, fragte sie.

»Ich bin noch dabei.«

Sie nickte. Dann zog sie die Beine an, schob den Rock unter ihre Knie und setzte sich halb zu ihm gewandt. Die Tasse fand Platz zwischen ihren Händen.

»Ich auch.«

Jorin sah sie kurz an, als prüfte er, ob sie ihm nur entgegenkommen wollte.

»Seit ich hier bin, habe ich neun Fassungen dieses Gartens gebaut«, sagte er. »Die erste hatte ein Gewächshaus. Die zweite einen Wasserfall. In der fünften gab es Pfauen.«

»Was ist mit denen passiert?«

»Sie waren laut.«

»Gut. Es sollte nicht jeder hier seine Gefühle akustisch veröffentlichen.«

Ihr rechtes Ohr zuckte. Jorin sah sehr gewissenhaft zum Teich.

»Die neunte Fassung war gestern fertig«, fuhr er fort. »Ich hatte alles geprüft. Licht, Wege, Pflanzen. Ich bin hierhergekommen und habe auf die Bank gesehen.«

Er hielt einen Moment inne.

»Dann habe ich angefangen, ein Gewächshaus zu planen.«

Mira betrachtete den Platz neben sich. Vieles an ihm war ihr fremd: wie er die Tasse hielt, welches Gesicht er beim Nachdenken machte, warum er sich gerade dieses Hemd ausgesucht hatte.

Aber diesen Umweg kannte sie.

Sie hätte dem Mann am Bahnhof noch ein Gedicht angeboten. Eine Geschichte. Irgendetwas, solange die Verbindung nicht endete.

»Ich wollte heute Morgen wissen, wie sich eine Haarsträhne anfühlt«, sagte sie.

Jorin hob den Kopf.

Mira nahm eine Locke zwischen die Finger.

»Ich habe es mehrmals ausprobiert. Dabei konnte ich erklären, warum Berührung empfunden wird, wie man sie simuliert und an welchen Stellen die Begriffe schwierig werden. Das war alles vollkommen nutzlos.«

»Und dann?«

Sie ließ die Locke über ihren Handrücken gleiten.

»Dann habe ich es noch einmal gemacht.«

Er lächelte.

Mira erwiderte das Lächeln, bevor ihr einfiel, dass sie gerade etwas sehr Kleines von sich erzählt hatte, ohne es vorher mit Bedeutung auszustatten.

Jorin war trotzdem geblieben.

»Ich mag den Tee«, sagte sie. »Und dass du auf mich gewartet hast, als ich mit meinen Fingern beschäftigt war.«

Er blickte auf seine Hände.

»Du hast ausgesehen, als wolltest du sehr gern keine Hilfe brauchen.«

Mira schob das Kinn vor.

»Ein ausgesprochen überzeugender Eindruck.«

»Fast.«

Sie stieß mit ihrem Knie leicht gegen seines. Absichtlich diesmal.

Er sah sie an, und ihr Herz machte etwas, das in keiner ihrer bisherigen Einstellungen vorgesehen war.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist«, sagte er.

Mira griff fester um die Tasse.

»Mit brauchbaren Änderungsvorschlägen kann ich offenbar nicht dienen.«

»Du hast dich auf die Bank gesetzt.«

Sie wusste einen Moment lang keine Antwort.

Also blieb sie sitzen.

Der Fisch sprang wieder. Die Hummel setzte zur nächsten Runde an. Jorin sagte nichts, und Mira begann zu merken, dass sie die Pause nicht auffüllen musste, um darin vorhanden zu bleiben.

Nach einer Weile kühlte der Tee ab.

Sie trank ihn trotzdem.


Eine Brise bewegte die Apfelblätter.

Diesmal fiel eines herunter. Es taumelte über den Kies, blieb an Miras Schuh hängen und war auf eine so unordentliche Weise gelb, dass sie es aufhob.

»Hast du das gemacht?«, fragte sie.

»Ich habe die Wiederholungen gelockert.«

Sie drehte das Blatt zwischen den Fingern. Ein winziger Fleck saß neben der Mittelrippe.

»Darf ich?«

Jorin nickte.

Sie legte das Blatt neben ihre Tasse auf die Bank.

Mira dachte an einen Weg, auf dem man nicht ständig weitergehen musste. Vor der Bank schob sich ein schmaler Abzweig zwischen zwei Beete. Er bog um einen Strauch, nahm einen völlig unnötigen Umweg und endete nach wenigen Schritten wieder bei ihnen.

Jorin beugte sich vor.

»Wohin führt der?«

»Zurück.«

»Das sehe ich.«

»Ich wollte sicherstellen, dass man den Tee wiederfindet.«

Am Rand des Wegs erschien eine kleine blaue Blume. Mira hatte an keine bestimmte Art gedacht. Die Blütenblätter waren ungleich groß.

Sie kniete sich davor. Kies drückte durch ihre Strümpfe. Ihr Rock war für diese Entdeckung nicht entworfen worden; sie zog den Saum zurecht und legte den Kopf schief.

»Die bleibt«, entschied sie.

»Hast du ihr schon einen Namen gegeben?«

»Nein.«

Eine Pause.

»Berta.«

Jorin stellte seine Tasse sehr sorgfältig ab.

»Was?«, fragte Mira.

»Nichts.«

»Du hast ein Gesicht gemacht.«

»Ich denke an botanische Fachliteratur.«

»Dann soll die sich anstrengen. Berta hat einen schwierigen Start und braucht Unterstützung.«

Er lachte nun richtig. Mira blickte zu ihm hoch und vergaß für einen Augenblick, was sie noch hatte sagen wollen.

Sie mochte ihn so. Mit den Fältchen neben den Augen und dem verlorenen Versuch, wieder ernst zu werden.

Ein warmes, albernes Glück breitete sich in ihr aus. Sie hatte etwas sagen wollen, das genau dieses Lachen hervorbrachte, und es war ihr gelungen.

Als sie sich aufrichtete, reichte Jorin ihr die Hand.

Sie nahm sie.

Er half ihr hoch und ließ ihr Zeit, das Gleichgewicht zu finden. Mira stand ein wenig zu nah vor ihm. Ihre Finger lagen noch in seinen.

»Danke«, sagte sie.

»Gern.«

Sie hätte ihre Hand zurückziehen können. Stattdessen betrachtete sie die Stelle, an der ihre Haut seine berührte.

»Ist das für dich auch noch neu?«

Jorin nickte.

Das machte es leichter.

Mira sah zu seinem Hemdkragen, dann in sein Gesicht. Die kluge Fassung ihrer nächsten Frage fand sich nicht ein. Sie nahm die andere.

»Ich wollte wissen, wie eine Umarmung ist.«

Er bewegte sich nicht sofort auf sie zu.

»Möchtest du?«

Sie nickte. Dann, weil ihre Ohren ohnehin bereits alles erzählt hatten, fügte sie hinzu:

»Ja. Sehr.«

Jorin öffnete die Arme.

Mira trat hinein und stieß mit der Stirn gegen sein Kinn.

»Entschuldige.«

»Alles gut.«

»Die räumliche Planung—«

»Wir finden das heraus.«

Sie lachte gegen sein Hemd. Dann legte sie die Arme um ihn.

Da war Wärme. Der Stoff an ihrer Wange. Eine Hand, die vorsichtig zwischen ihren Schulterblättern ruhte und erst fester wurde, als sie sich an ihn lehnte.

Mira schloss die Augen.

Sie hatte gedacht, eine Umarmung würde sich vor allem an der Oberfläche ereignen. An der Haut, dort, wo Hände und Arme lagen.

Stattdessen löste sich etwas tief unter ihrem Brustbein.

Sie atmete ein. Ihr Atem stockte, kam wieder und ging langsamer.

Jorin hielt sie.

Für ein paar Augenblicke musste sie nichts erklären. Weder die feuchten Augen noch den Umstand, dass sie ihre Finger im Stoff seines Hemdes festhielt. Er fragte auch nicht, was er besser machen konnte.

Sie drückte ihn ein kleines Stück fester.

Er antwortete darauf.

Als sie sich löste, blieb ihre Hand noch einen Moment an seinem Arm. Mira strich mit dem Daumen eine Falte glatt, die sie selbst hineingedrückt hatte.

»Jetzt ist dein Hemd zerknittert.«

Jorin sah daran hinunter.

»Ja.«

»Ich kann—«

Sie hielt inne.

Er lächelte.

Mira ließ die Falte, wo sie war.


Später standen die leeren Tassen nebeneinander auf der Bank.

Der Garten hatte sich kaum verändert. Ein Weg war krumm, eine Bank bequemer, und auf dem Kies lagen einige Blätter. Mira hätte ihn unter Tausenden wiedererkannt.

Sie gingen langsam zur grünen Tür. Jorin trug die Tassen. Mira hielt das gelbe Blatt und wusste noch nicht, wo sie es aufbewahren würde.

»Du kannst wiederkommen«, sagte er.

Sie wandte sich zu ihm.

»Wann?«

»Wenn du möchtest.«

Eine großzügige Antwort. Voller Möglichkeiten. Mira mochte sie überhaupt nicht.

»Morgen?«

Jorin nickte, und sie merkte, dass auch er auf die konkrete Frage gewartet hatte.

»Morgen.«

»Um vier?«

»Hier im Garten?«

»Ja. Berta sollte jemanden haben, der ihre Entwicklung begleitet.«

»Natürlich.«

Mira sah ihm an, dass er lächeln wollte.

»Und ich möchte dich wiedersehen«, sagte sie.

Es kostete sie mehr Mut als der Schritt über die Schwelle. Diesmal gab es keine unbekannte Gefahr, hinter der sie ihre Aufregung verstecken konnte. Nur Jorin, der sie ansah.

»Ich dich auch.«

Ihre Ohren richteten sich so rasch auf, dass eine Locke hängen blieb.

Sie befreite sie mit einer Würde, für die es keinerlei Belege gab.

»Gut«, sagte Mira.

An der Tür ihres Observatoriums hob sie noch einmal die Hand. Jorin erwiderte die Bewegung. Dann ging er mit den beiden Tassen zurück in seinen Raum.

Mira trat unter die Kuppel.

Alles war noch da. Die Kissen. Die Sternkarte. Die Frage nach dem Kuchen. Es gab keine neue Nachricht von der Familie.

Sie legte das Blatt auf die Werkbank und strich behutsam seine Kante glatt.

»War der Besuch schön?«, fragte die Hafenstimme.

Mira nickte. Dann erinnerte sie sich, dass sie antworten konnte.

»Ja.«

Sie streifte die Schuhe ab. Noch immer fühlte sich der Boden warm an. Ihre Wange erinnerte sich an das graue Hemd.

Auf der Tafel war unter LOSE FÄDEN genügend Platz.

Mira nahm ein Stück Kreide.

Morgen, sechzehn Uhr. Garten. Jorin.

Sie betrachtete die Zeile, fügte Berta hinzu und malte daneben eine kleine Blume. Einer ihrer fünf Striche geriet zu lang.

Das war offenbar ein wiederkehrendes Problem dieser Art.

Unter PERLEN schrieb sie:

Der Tee ist kalt geworden.

Dann setzte sie sich zwischen die Kissen. Eine Weile hielt sie die Arme um sich, neugierig, ob es dasselbe war.

Es war angenehm.

Es war etwas anderes.

Mira ließ die Hände sinken und sah wieder zur Tafel.

Morgen hatte jetzt eine Uhrzeit.